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Biografie

Ein Leben für das Theater

Peter Kupke (1932–2022) durchlief in über sechs Jahrzehnten mehr als hundert Regiearbeiten – von Döbeln über Potsdam und das Berliner Ensemble bis nach Wiesbaden, Cottbus und Hof.

1932 – 1956

Herkunft & Ausbildung

Peter Kupke wurde am 1. Mai 1932 in Kreuzburg in Oberschlesien (heute Kluczbork, Polen) geboren. Nach Krieg und Vertreibung wuchs er in Dresden auf, wo er 1951 an der Oberschule Süd das Abitur ablegte.

Im selben Jahr begann er eine Schauspielausbildung und studierte Theaterwissenschaft am Deutschen Theater-Institut Weimar und an der Theaterhochschule Leipzig. 1956 schloss er das Studium mit dem Diplom ab.

1956 – 1963

Anfänge: Döbeln, Eisleben, Berlin

Von 1956 bis 1960 war Kupke am Stadttheater Döbeln engagiert – als Schauspieler und Dramaturg, ab 1958 als Oberspielleiter des Schauspiels. Hier entstanden ab 1957 seine ersten eigenen Inszenierungen, darunter Calderóns „Dame Kobold“, Goldonis „Der Lügner“, Brechts „Mann ist Mann“ und Schillers „Kabale und Liebe“. 1960 folgte am Thomas-Müntzer-Theater Eisleben die Uraufführung von Pfeiffers „Die dritte Schicht“.

Anschließend wechselte er für drei Jahre als Schauspieler und Regieassistent an das Deutsche Theater Berlin unter Intendant Wolfgang Langhoff; erste eigenständige Berliner Regiearbeiten entstanden am Theater der Bergarbeiter Senftenberg, das damals unter der Patenschaft des Deutschen Theaters stand.

1963 – 1971

Hans-Otto-Theater Potsdam: Oberspielleiter & Intendant

1963 ging Kupke als Oberspielleiter des Schauspiels an das Hans-Otto-Theater Potsdam, dessen Intendanz er 1968 übernahm. In die Potsdamer Jahre fallen große klassische Arbeiten – „Hamlet“ (1963), „König Richard II.“ (1967), „Die Komödie der Irrungen“ (1968), Goethes „Egmont“ in der Bearbeitung Schillers (1970) und Gorkis „Nachtasyl“ (1970/71) – ebenso wie Brecht („Der kaukasische Kreidekreis“ 1966, „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ 1969) und Zeitgenössisches, darunter 1965 die Beteiligung an der berühmten Ring-Uraufführung von Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ sowie die Uraufführungen von Karl Mickels „Nausikaa“ (1968) und Klaus Wolfs „Lagerfeuer“ (1969).

Eine geplante Inszenierung von Hartmut Langes „Marski“ wurde 1965 kurz vor der Premiere abgesetzt, weil der Autor die DDR ohne Genehmigung verlassen hatte. Als Theaterleiter förderte Kupke junge Talente – darunter die Regisseure Jürgen Gosch und Fritz Marquardt sowie die Schauspieler Thomas Langhoff (später Intendant des Deutschen Theaters) und Carmen-Maja Antoni. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten widmeten ihm in der Serie „Potsdamer Intendanten“ ein eigenes Porträt („Mehr Kopf als Herzblut“) und hoben seine analytisch-strenge Handschrift hervor.

1971 – 1980

Berliner Ensemble

1971 wurde Kupke als Regisseur und Mitglied der Theaterleitung an das Berliner Ensemble geholt. Hier entstand sein großer Brecht-Zyklus: „Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher“ (1973), „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (1975), „Der kaukasische Kreidekreis“ (1976), „Der Hofmeister“ nach Lenz/Brecht (1977) und „Mutter Courage und ihre Kinder“ (1978).

Parallel gastierte er im Ausland: 1973 mit Friedrich Wolfs „Die Matrosen von Cattaro“ am Theater der Volksarmee in Sofia und mit dem „Hofmeister“ am Landestheater Halle, 1978 erstmals am Odense Teater in Dänemark („Don Juan“ nach Molière/Brecht), 1980 am Theater Vanemuine im estnischen Tartu. 1979 setzte Intendant Manfred Wekwerth Kupkes fast fertige Inszenierung von Ben Jonsons „Bartholomäusmarkt“ ab – offiziell, weil der Ausstatter Hans Brosch die DDR ohne Genehmigung verlassen hatte. Damit war Kupkes Regiearbeit am BE faktisch beendet.

1980 / 81

Weggang aus der DDR

Während eines Arbeitsaufenthalts in Dänemark entschlossen sich Peter Kupke und seine Frau, die Schauspielerin Sonja Hörbing, nicht in die DDR zurückzukehren; über Dänemark gelangten sie in die Bundesrepublik. Die erwachsene Tochter Kattrin blieb in der DDR zurück – für sie bedeutete die Flucht der Eltern das abrupte Ende ihrer Schauspielausbildung.

Diese Familiengeschichte erzählt das Radio-Feature „Die Stumme Kattrin mit zwei ‚T‘“ von David Zane Mairowitz (Produktion MDR 2024, Erstsendung WDR 3 am 24. Januar 2026), in dem Kattrin Kupke rückblickend zu Wort kommt.

1981 – 1992

Gelsenkirchen & Wiesbaden

Im Westen wandte sich Kupke zunächst dem Musiktheater zu. Bereits 1981 inszenierte er Händels „Xerxes“ am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, wo er von 1982 bis 1984 als Oberspielleiter wirkte. Es folgten „Der Mantel“/„Bajazzo“ (Puccini/Leoncavallo), Strauss’ „Elektra“ und Wagners „Tristan und Isolde“, danach Händels „Julius Caesar“, das Musical „Das Glas Wasser“ und Donizettis „Der Liebestrank“.

1985 berief ihn Intendant Claus Leininger als Schauspieldirektor an das Hessische Staatstheater Wiesbaden. In sieben Spielzeiten inszenierte Kupke dort u. a. „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (1985), „Minna von Barnhelm“ und „Kabale und Liebe“ (1986), „Die Komödie der Irrungen“ und „Hedda Gabler“ (1987), „Leben des Galileo Galilei“ und „Die Dreigroschenoper“ (1988), „Der Hauptmann von Köpenick“ (1990), „Der zerbrochne Krug“ und die deutsche Erstaufführungs-Arbeit an Gaston Salvatores „Stalin“ (1991) sowie „Tartuffe“ (1992). In Wiesbaden erlebte er 1989/90 das Ende des Kalten Krieges – jener Teilung, die seine eigene Biografie durchzogen hatte.

1992 – 2014 · Dänemark

Der freie Regisseur: Skandinavien & Deutschland

Nach 1992 arbeitete Kupke freischaffend, mit bemerkenswerter Kontinuität in Skandinavien. In Dänemark, wohin seit 1978 enge Arbeitsbeziehungen bestanden, inszenierte er am Odense Teater (u. a. „Der gute Mensch von Sezuan“ 1980, „Die Möwe“ 1981, „Die Wildente“ 1983, „Der Auftrag“ von Heiner Müller 1985, „Das Traumspiel“ 1993, „Was Ihr wollt“ 1994, „Der Menschenfeind“ 1995, „Die Irre von Chaillot“ 1996, „Stützen der Gesellschaft“ 1997), am Königlichen Theater Kopenhagen („Mutter Courage“ 1984, „John Gabriel Borkman“ 1985, „Besucher“ 1990, „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ und „Krach in Chiozza“ 1992, „Rabenthal“ 1998, „Sparekassen“ 1999), beim Det Danske Teater („Tartuffe“ 1983, „Die Dreigroschenoper“ 1986, „Der Totentanz“ 1987), am Aarhus Teater („Volpone“ 1995) und beim Rimfaxe Teater Roskilde.

Hinzu kamen das Malmö Dramatiska Teater in Schweden („Die komische Illusion“ 1999) und das Flämische Nationaltheater KNS Antwerpen („Die Minderleister“ von Peter Turrini, 1993). In Deutschland prägte er über viele Jahre die Burghofspiele Eltville im Rheingau (u. a. „Nathan der Weise“ 1992, „Prinz Friedrich von Homburg“ 1996, „Maria Stuart“ 2002), arbeitete an den Theatern Ingolstadt, Augsburg („Puntila“ 1998), Kassel („Galilei“ 2003), bei den Burgfestspielen Mayen sowie für die Tourneeproduktionen des Euro-Studios Landgraf („Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ 2003, „Vor Sonnenuntergang“ 2007).

2009 – 2022

Spätes Schaffen, Lehre & Lebensabend

Am Staatstheater Cottbus inszenierte Kupke 2009 – mit 76 Jahren – einen vielbeachteten „Hauptmann von Köpenick“ als Stationentheater im Hof der Alvensleben-Kaserne (Premiere 27. Juni 2009), 2012 folgte Oliver Bukowskis „Steinkes Rettung“ und 2013 Tschechows „Der Kirschgarten“. Seine letzte Arbeit war Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am Theater Hof (Premiere 14. März 2014) – im Alter von 81 Jahren, zurückgekehrt zu jenem Autor, der sein Leben begleitet hatte.

Kupke verstand sich zeitlebens auch als Schauspiellehrer und förderte Assistenten und junge Schauspieler systematisch. Zuletzt lebte er in Dietzenbach bei Frankfurt am Main. Peter Kupke starb am 10. Dezember 2022 im Alter von 90 Jahren in Frankfurt am Main. Nachrufe erschienen u. a. bei nachtkritik.de.

Vertragsstationen

Stationen im Überblick

  1. 1951 – 1956 · Weimar · Leipzig

    Theaterinstitut Weimar / Theaterhochschule Leipzig

    Schauspielausbildung und Studium der Theaterwissenschaft · Diplom 1956

  2. 1956 – 1960 · Döbeln

    Stadttheater Döbeln

    Schauspieler · Dramaturg · ab 1958 Oberspielleiter des Schauspiels

  3. 1960 – 1963 · Berlin

    Deutsches Theater Berlin

    Schauspieler und Regieassistent (Intendanz Wolfgang Langhoff) · erste Regiearbeiten am Theater der Bergarbeiter Senftenberg

  4. 1963 – 1971 · Potsdam

    Hans-Otto-Theater

    Oberspielleiter des Schauspiels · ab 1968 Intendant

  5. 1971 – 1980 · Berlin

    Berliner Ensemble

    Regisseur · Mitglied der Theaterleitung

  6. 1982 – 1984 · Gelsenkirchen

    Musiktheater im Revier

    Oberspielleiter (Musiktheater-Regie)

  7. 1985 – 1992 · Wiesbaden

    Hessisches Staatstheater Wiesbaden

    Schauspieldirektor (berufen von Intendant Claus Leininger)

  8. 1992 – 2014 · Dänemark · Deutschland · Schweden · Belgien

    Freischaffender Regisseur

    u. a. Odense Teater, Königliches Theater Kopenhagen, Det Danske Teater, Aarhus Teater · Burghofspiele Eltville, Staatstheater Cottbus, Theater Hof · Tourneeproduktionen des Euro-Studios Landgraf

Familie

Familie

Peter Kupke war mit der Schauspielerin Sonja Hörbing (1934 Dresden – 2010 Wiesbaden) verheiratet. Sie spielte in zahlreichen seiner Inszenierungen mit – in Potsdam, am Berliner Ensemble und später in Wiesbaden, wo auch sie viele Jahre engagiert war. Aus der Ehe stammt die Tochter Rebekka Kattrin Kupke.